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13.09.2020

Andacht für die Woche vom 13. bis 19. September 2020
Verfasser:  Jürgen-Peter Lesch  
Pastor in Ruhe (Springe – früher Pastor der EKD in Hannover)

„Lobe den HERRN, meine Seele,
und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“
(Psalm 103,2 – Wochenspruch für den 14. Sonntag nach Trinitatis)

Für Martin Luther sind die Psalmen eine „Kleine Biblia“,
in der die „Summa“ der ganzen Bibel enthalten ist.
Er schreibt über den Psalter:
„Du lernst darinnen allerlei Lehre, Trost,
Stärke und Freude“.
In den Psalmen werden Erfahrungen
von Menschen mit Gott und mit ihrem Glauben
aus vielen Büchern des Alten Testaments
aufgenommen und in poetischen Texten
zusammengeführt.
Der Wochenspruch stammt aus einem Psalm,
der den Bogen spannt von ganz persönlichen Erfahrungen
über Gedanken zur Stellung des Menschen in der Welt
bis hin zu Gott und den himmlischen Heerscharen.
Er beginnt und endet mit einer Aufforderung, Gott zu loben.
Und dazwischen entfaltet er ein ganzes Universum.

Ein Lob auszusprechen fällt uns oft schwer.
Oder wir denken gar nicht daran,
einen anderen Menschen zu loben.
Warum geschieht es so selten,
ein Lob auszusprechen
oder auch ein Lob zu hören?
Ja, es gibt dabei durchaus Probleme.
Zum einen kann ein Lob etwas Herablassendes haben.
Dahinter kann das Bewusstsein stehen:
„Ich weiß, wie etwas gemacht werden muss.
Und ich weiß, wie es richtig gemacht wird.
Und deshalb kann ich das Tun des anderen beurteilen.“
So kann bei einem Lob – oft unbewusst – mitklingen:
„Ich weiß eigentlich besser,
wie etwas gemacht werden muss“.
Jedenfalls könnte das der Gelobte so auffassen.
      Ein anderer Grund, auf ein Lob lieber zu verzichten,
ist die eigene Unsicherheit.
Ich frage mich, ob ich überhaupt berechtigt bin,
einen anderen zu loben.
Ich bin nicht sicher, ob ich die Kompetenz
und die nötige Kenntnis habe,
sein Tun zu beurteilen und einzuschätzen.
Habe ich wirklich das Recht zu sagen,
ob etwas gut oder schlecht gemacht ist?

      Zu unseren Problemen damit,
ein Lob auszusprechen, gehört auch,
dass ein Lob vergiftet sein kann.
In Goethes Faust II berichten drei Engel
über die Errettung des Doktor Faustus.
Und sie begründen diese Errettung
mit dem bekannten Satz:
„Wer immer strebend sich bemüht,
den können wir erlösen“.
So weit – so gut.
Doch wenn in einem Arbeitszeugnis steht:
„Er war stets bemüht“, wissen alle:
Dieser Mensch wollte seine Arbeit vielleicht gut tun,
aber er konnte es einfach nicht.
Was zunächst wie ein Lob klingt,
ist im Grunde ein vernichtendes Urteil.
       Schließlich gibt es noch das gekaufte Lob,
die gekauften Sterne bei Produktbewertungen.
Was dort über wunderbare Eigenschaften
von Geräten und Gegenständen behauptet wird,
nur weil sie verkauft werden sollen,
ist manchmal haarsträubend.
Solche Lobhudelei kann nur misstrauisch machen.
      Viel einfacher ist es oft für uns, Kritik zu üben.
Da kommen wir nicht so leicht in den Verdacht,
unehrlich zu sein.
Natürlich gibt es auch überzogene Kritik.
Doch selbst dann gehen wir davon aus,
dass es schon etwas Kritikwürdiges dabei geben wird.
Und wenn es zu einer begründeten Kritik nicht reicht,
bleibt immer noch die Empörung.
Da schwingen dann Emotionen mit.
Und gegen die wirken beim besten Willen
keine Argumente.
      Zurück zum Lob im Psalm.
David, dem der Psalm zugeschrieben wird,
hat hier kein Problem damit,
Gott selbst zu loben:
„Lobe den HERRN, meine Seele,
und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat“.
Dieses Lob kommt von innen, aus der Seele.
„Seele“ ist die Übersetzung von hebräisch „Nepheš“.
Das meint das Innerste eines Menschen,
sein lebendiges Wesen und seine Personalität.
Aus Nepheš entspringen Lebenskraft und Lebensenergie.
Sie richtet sich auf Gott hin aus.
Sie ist der Ursprung der persönlichen Beziehung
eines Menschen zu Gott.
      „Lobe den HERRN, meine Seele,
und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“
In der Übersetzung nach Martin Luther
steht wie in vielen anderen Übersetzungen
hinter diesem Satz ein Doppelpunkt.
Der Psalmbeter erinnert sich daran,
was er erlebt und auch erlitten hat.
Das Lob ist eingebettet
in die Beziehung zwischen Gott und Mensch.
Es wächst aus einer Geschichte
zwischen Gott und einem Menschen.
Wenn wir als Christen
in Liedern und Gebeten Gott loben,
ist das kein blindes, kein gottergebenes Lob.
Ich denke, dass erwartet Gott nicht.
Es geht im Verhältnis zu Gott
nicht um eine Unterwerfung unter eine höhere Macht.
Es geht vielmehr um eine lebendige Beziehung zu Gott.
Es geht darum, das was wir erleben,
in diese Beziehung mit einzubringen.
Die Frage ist: Haben wir Erlebnisse und Erfahrungen,
die es begründen, Gott zu loben?
      Der Psalmbeter erinnert sich
ganz bewusst daran,
was Gott für ihn getan hat.
Zum einen hat er erfahren,
dass ihm seine Schuld vergeben worden ist.
Um diese Erfahrung
 beten wir immer wieder im Vaterunser:
„und vergib uns unsere Schuld“.
Zum anderen ist er von seinen „Gebrechen“,
seinen Krankheiten geheilt worden.
Das erinnert an die Heilungen
von Jesus im Neuen Testament:
„Blinde sehen und Lahme gehen.
Menschen mit Aussatz werden rein, Taube hören.“
Und schließlich erinnert er sich
an die Erlösung vom Verderben –
oder anders gesagt –
die Rettung vor dem Untergang.
Der Psalmbeter sieht in all dem
Zeichen für die Gnade und Barmherzigkeit Gottes.
      Auf diesem Fundament
baut er nun ein umfassendes Lob Gottes auf.
Er entwirft wunderbare Bilder von Gottes Herrschaft,
die gegründet ist auf Gerechtigkeit und Recht
für alle, die Unrecht leiden.
      Es lohnt sich wirklich,
den gesamten Psalm zu lesen
und die Bilder in sich aufzunehmen.
      Zurück zum Anfang.
Das Lob Gottes entspringt
jenen Erfahrungen unseres Lebens,
die wir in Beziehung setzen
zu den Versprechen und Zusagen Gottes.
Dazu gehört es,
die Spuren von Gottes Wirken
in unserem Leben nicht zu vergessen.
Damit wir uns an sie erinnern können,
müssen wir sie
allerdings erst einmal wahrnehmen.
Es sind Situationen und Ereignisse,
in denen wir uns bei Gott geborgen
oder durch Gott getragen gefühlt haben.
      Das beginnt mit der Taufe.
Zwar waren die meisten von uns
bei der Taufe zu jung,
um sich daran erinnern zu können.
Aber der Taufspruch ist uns geblieben.
Er erinnert uns
an diese besondere Begegnung mit Gott.
Für Luther ist die Taufe
ein unvergessliches Handeln Gottes.
Luther lebte sowohl in mittelalterlichen
wie in neuzeitlichen Vorstellungen.
Er fühlte sich vom Widersacher,
dem Teufel, nicht nur seelisch,
sondern auch körperlich angegriffen
und wie auf einem offenen Feld
schutzlos ausgeliefert.
Luther hat sich in solchen Situationen
ganz besonders an seine Taufe erinnert.
Sie war für ihn
wie eine Zuflucht vor allen Bedrohungen.
Die Taufe ist ein heilsames Handeln Gottes an uns.
Daran können wir uns getrost erinnern.
       Dazu kommt das gemeinsame Erinnern.
Der Gottesdienst ist dafür ein zentraler Ort.
Im gemeinsamen Beten,
im Glaubensbekenntnis und im Vaterunser,
im Nachdenken über Worte aus der Bibel
und nicht zuletzt im Gesang
erinnern wir einander an das,
was unseren Glauben trägt.
Im Abendmahl erinnern wir uns an den neuen Bund.
Wir hören die Worte von Jesus:
„Tut dies zu meinem Gedächtnis“.
Das ist eine Erinnerung daran,
was Jesus für uns getan hat.
Und daraus entsteht ein gemeinsames Lob.
      Gemeinsames Erinnern und gemeinsames Loben
geschieht nicht nur im Gottesdienst.
Überall dort, wo Menschen zusammenkommen,
die Erfahrungen mit Gott in sich tragen,
schwingen Erinnerung und Lob mit.
Und vielleicht macht uns das Mut,
andere Menschen –
und wohl manchmal auch uns selbst –
mehr und ehrlich zu loben.
Vielleicht können wir dann
einander eher mit den Ziel kritisieren,
das Leben besser zu machen.
Und vielleicht haben wir es nicht mehr so nötig,
uns zu empören.

Amen.

 
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