St. Vincenz zu Altenhagen I

Archiv

Andacht für die Woche vom 9. November bis 15. November 2025

08.11.2025

Andacht für die Woche
vom 9. November
bis 15. November 2025
über die Lesung
aus dem Alten Testament
zum 9. November,
dem drittletzten Sonntag des Kirchenjahres.
Sie steht im Buch
des Propheten Micha
im 4. Kapitel
und ist überschrieben
„Das kommende Friedensreich Gottes“
Verfasser:
Pfarrer in Ruhe Jürgen-Peter Lesch
(Springe –
früher Pfarrer der EKD in Hannover)

Liebe Leserin, lieber Leser!
Der 9. November ist ein besonderer Tag
in der deutschen Geschichte.
Auch wenn es nur ein Datum ist,
verbinden sich mit ihm Geschehen,
die tiefgreifende Veränderungen
mit sich gebracht haben.
Ein etwas skurriles Ereignis
steht am Beginn des Mauerfalls
am 9. November 1989.
Sprichwörtlich verzettelt
hatte sich Günter Schabowski.
Sonst wäre die Berliner Mauer,
das Symbol der Ost-West-Konfrontation,
wohl an einem anderen Tag
zusammengebrochen.
„Ab sofort, unverzüglich“,
antwortete der SED-Funktionär
auf die Frage eines Journalisten,
wann denn die neuen Reise-
regelungen in Kraft träten.
Das stand so nicht
auf dem Papier des Politbüros,
aus dem Schabowski zuvor zitiert hatte.
Die DDR-Bürger ließen sich
das nicht zweimal sagen.
Sie stürmten zu den Übergängen
und in den Westen.
Niemand hielt sie mehr auf.
Ganz anders war es
am 9. November 1938.
Was an diesem Tag geschah,
der als „Reichspogromnacht“ bezeich-
net wird, war streng durchorganisiert.
Das war kein Volksaufstand.
Propagandaminister Goebbels initiierte
die Aktion mit einer hasserfüllten Rede i
m Münchner Rathaus,
die subalternen Nazi-Funktionäre
überall im Reich verstanden
seinen Wink sofort,
und die SA-Schläger standen schon parat.
Sie organisierten, was nach außen hin
aussehen sollte wie ein
spontan entfachter Volkszorn.
Nicht so gut organisiert
war am 8. und 9. November 1923
der Versuch Adolf Hitlers,
des radikalen Führers der Nationalsozialisten.
Doch sein "Marsch auf Berlin"
endete an der Münchner Feldherrnhalle -
gestoppt von der bayerischen Polizei.
Deutschland war noch einmal
verschont geblieben - für zehn Jahre.
Um einen Neuanfang
ging es am 9. November 1918.
An diesem Tag rief der Sozialdemokrat
Philipp Scheidemann vom Balkon
des Reichstags mit den Worten
„Das Alte und Morsche,
die Monarchie ist zusammengebrochen!
Es lebe das Neue!
Es lebe die deutsche Republik!"
eben diese Republik aus.
Damit nahm er die Stimmung
der unter dem Balkon des Reichstags
versammelten Menge auf.
Eine nach den Schrecken des 1. Weltkriegs
traumatisierte Bevölkerung wollte
den Neuanfang. Diese neue
und noch fremde Staatsform
hatte damals die Vernunft geboten.
Eine Herzensangelegenheit
war die Weimarer Republik -
darüber sind sich die Historiker einig -
für die meisten Deutschen nicht.
Am 9. November ging es immer
um die Zukunft der Menschen i
n Deutschland.
Und um die Frage, welche Werte
diese Zukunft bestimmen sollten:
Demokratie und Freiheit
oder Diktatur und Unterdrückung,
ja Vernichtung.
Was nach diesen Tagen gekommen ist
und sich danach entwickelte,
war allenfalls zu ahnen,
zu fürchten oder auch zu hoffen,
aber nicht klar zu sehen.
Wobei - um es deutlich zu sagen -
diese Tage waren keine Schicksalstage.
Wer von Schicksal spricht,
macht es sich zu einfach.
Es sind nur Daten im Kalender.
Was danach geschehen ist,
haben Menschen getan.
Manchmal waren sie
dabei verantwortungsvoll,
manchmal völlig verantwortungslos,
ja verbrecherisch.
Bis hier ging es um zurückliegende Tage.
Um zukünftige Tage geht es
in einer Verheißung des Propheten Micha:
Das kommende Friedensreich Gottes
„In den letzten Tagen aber wird der Berg,
darauf des Herrn Haus ist,
fest stehen, höher als alle Berge
und über alle Hügel erhaben.
Und die Völker werden herzulaufen,
und viele Heiden werden hingehen
und sagen: Kommt, lasst uns hinauf
zum Berge des Herrn gehen
und zum Hause des Gottes Jakobs,
dass er uns lehre seine Wege
und wir in seinen Pfaden wandeln!
Denn von Zion wird Weisung ausgehen
und des Herrn Wort von Jerusalem.
Er wird unter vielen Völkern richten
und mächtige Nationen zurechtweisen
in fernen Landen.
Sie werden ihre Schwerter
zu Pflugscharen machen
und ihre Spieße zu Sicheln.
Es wird kein Volk wider das andere
das Schwert erheben,
und sie werden hinfort nicht mehr lernen,
Krieg zu führen.
Ein jeder wird unter seinem Weinstock
und Feigenbaum wohnen,
und niemand wird sie schrecken.
Denn der Mund des Herrn Zebaoth
hat’s geredet. Ein jedes Volk
wandelt im Namen seines Gottes,
aber wir wandeln
im Namen des Herrn, unseres Gottes,
immer und ewiglich! -
Und der Herr wird König über sie sein
auf dem Berge Zion
von nun an bis in Ewigkeit.“
Dieser Text ist eine der bekanntesten
prophetischen Visionen überhaupt.
Außer bei Micha findet sich
diese endzeitliche Friedensvision
fast wortgleich beim Propheten Jesaja,
aber die ursprüngliche Version -
so sagt uns heute die Forschung -
steht wohl bei Micha.
Ein etwa 2.500 Jahre alter Text,
der auch die christliche Friedensbewegung
zu allen Zeiten inspiriert hat.
„In den letzten Tagen“,
so sagt der Prophet,
also am Ende aller Zeiten,
wird der Berg des Herrn,
also der Berg Zion,
auf dem Jerusalem gegründet wurde,
immer noch bestehen.
Und alle Völker werden
zu diesem Berg strömen.
Eine universalistische Vision!
Der eine Gott, der alle Völker
hat werden lassen,
versammelt eben diese Völker
bei seinem heiligen Berg.
Und dann wird „Weisung ausgehen“
von diesem Berg, wird also
eine ganz bestimmte Lehre vermittelt
und ein konkreter Handlungs-
auftrag erteilt. Es geht nicht nur darum,
Frieden zu halten, friedfertig zu sein.
Es heißt:
„sie werden hinfort nicht mehr lernen,
Krieg zu führen“.
Schwerter sollen zu Pflugscharen
umgeschmiedet werden,
heißt es in der Vision,
und Spieße zu Sicheln.
Das ist, bei allem Respekt,
das Gegenteil von „kriegstüchtig werden“.
Schwerter zu Pflugscharen -
diese Vision gibt es
plastisch dargestellt in einer Bronzeskulptur.
Ein Schmied,
der mit mächtigen Hammerschlägen
ein auf einem Amboss liegendes Schwert
in eine Pflugschar umschmiedet.
Diese Skulptur hatte
im Dezember 1959 die Sowjetunion
den Vereinten Nationen geschenkt.
Sie ist im Garten des UNO-Hauptgebäudes
in New York City aufgestellt worden,
wo sie sich noch heute befindet.
Die Darstellung dieses mächtigen Helden
macht mich nachdenklich.
Und ich frage mich,
warum es im Text heißt:
„Sie werden ihre Schwerter
zu Pflugscharen machen
und ihre Spieße zu Sicheln“?
Wer sind diese „sie“?
Es sind die Menschen aus vielen Völkern
und mächtigen Nationen.
Gott, der Herr, beurteilt ihr Tun
und weist sie zurecht.
Und dann beginnen sie zu handeln.
Ich stelle mir vor, das ist ein Prozess.
Auf dem Weg zum Zion
begegnen sich die Menschen.
Sie erzählen einander
von ihren Träumen und Hoffnungen.
Und sie gestehen einander
ihre Ängste und Befürchtungen.
Nach und nach stellen sie fest,
dass sie alle aus den vielen Völkern
und mächtigen Nationen Menschen sind,
einfach nur Menschen.
Das öffnet ihnen die Augen.
Sie schauen auf die Waffen,
die sie gewohnheitsmäßig
mit sich schleppen:
Schwerter und Spieße.
Und sie erkennen:
Wir werfen die nicht einfach von uns,
sondern wir machen daraus Nützliches.
Ich stelle mir vor,
dass an den Hängen des Berges Zion
viele Schmiedefeuer aufflammen.
Feuer, an denen Pflugscharen
und Sicheln entstehen.
Nützliche Werkzeuge.
Diese Menschen brauchen niemanden,
der ihnen sagt, was sie tun sollen.
Sie vertrauen nicht mehr
den Hasspredigern
und Dummschwätzern.
Sie wissen jetzt, was sie tun müssen,
damit die Verheißung Michas Wahrheit wird:
„Ein jeder wird unter seinem Weinstock
und Feigenbaum wohnen,
und niemand wird sie schrecken“.
So werden sie
zu Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern
an Gottes großem Friedenswerk.

Ich wünsche Ihnen eine nachdenkliche
und zuversichtliche Zeit
an diesem 9. November.
Jürgen Peter Lesch

 
Powered by CMSimpleBlog
nach oben