St. Vincenz zu Altenhagen I

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Andacht für die Woche vom 22. Juni bis 28.Juni 2025

22.06.2025

Andacht für die Woche
vom 22. Juni bis 28.Juni 2025
über die Lesung
aus dem Alten Testament

zum 1. Sonntag nach Trinitatis
Sie steht im Buch
des Propheten Jeremia 23,16-29
und ist überschrieben
„Über die falschen Propheten“
Verfasser:
Pfarrer in Ruhe Jürgen-Peter Lesch
(Springe –
früher Pfarrer der EKD in Hannover)

Liebe Leserin, lieber Leser,

es ist schwer, unterschiedliche Meinungen
und Bewertungen richtig einzuschätzen,
wenn Populisten mehr und mehr bestimmen,
was richtig sein soll.
Es ist verhängnisvoll, wenn
sich
bei entscheidenden Weichenstellungen
in persönlichen oder in gesellschaft-
lichen Bereichen
Spezialisten, Funktionäre und Politiker
einen Schlagabtausch liefern
und wir uns ihnen
ohnmächtig ausgeliefert fühlen.
Am gefährlichsten aber ist es,
wenn es bei solchen Fragen
um Tod und Leben,
sogar um die Existenz
von Völkern und Staaten geht.
In solchen schwierigen Situationen
Ist es hilfreich, zeitlichen
und räumlichen Abstand zu gewinnen.

Anfang des 6. vorchristlichen Jahr-
hunderts kontrolliert die Besatzungs-
macht Babylon das kleine Judäa
mit den beiden Stämmen
Juda und Benjamin.
Die sind dabei,
sich mit ihren Nachbarstaaten
gegen die Babylonier zu verbünden,
um ihr Joch abzuschütteln.
Ein gefährliches Unternehmen.
Wer weiß, wohin das führt?
Wer weiß, was in dieser Situation
das Richtige ist?
Das ist damals nicht nur eine politische,
sondern auch eine religiöse Frage.
Fachleute für diese Frage
sind die Propheten;
doch die sind sich nicht einig.
Die meisten von ihnen
sind für den Kampf.
Sie lassen sich anstecken
von der nationalen Begeisterung.
Sie reden den Politikern
nach dem Mund.
Gegen diese Kriegsbegeisterung
ist nur eine Minderheit.
Sie warnt dringend
vor militärischen Abenteuern.
Diese Propheten berufen sich
auf Gott, auf sein Wort,
auf seine Offenbarung.
Aber das tun die anderen auch.
Um es deutlich zu sagen:
Die biblischen Propheten
sind keine Hellseher.
Ihre Fähigkeit,
in die Zukunft zu schauen,
beruht auf zwei Grundlagen.
Erstens beobachten sie sehr genau,
was um sie herum geschieht
und wie die Dinge sich entwickeln.
Und zweitens setzen sie
diese Beobachtungen in Beziehung
zu den Gotteserfahrungen,
die in den Traditionen und Schriften
des jüdischen Volkes überliefert sind.
Zu der kleineren Gruppe
der mahnenden Propheten gehört Jeremia.
Einer, der von sich selbst sagt:
„Weh mir, meine Mutter,
dass du mich geboren hast,
gegen den jedermann hadert
und streitet im ganzen Lande!“
Aus dem nach ihm benannten Buch
stammt der folgende Text.


So spricht der Herr Zebaoth:
Hört nicht auf die Worte der Propheten,
die euch weissagen!
Sie betrügen euch;
denn sie verkünden euch Gesichte
aus ihrem Herzen
und nicht aus dem Mund des Herrn.
Sie sagen denen,
die des Herrn Wort verachten:
Es wird euch wohlgehen –,
und allen, die im Starrsinn
ihres Herzens wandeln, sagen sie:
Es wird kein Unheil über euch kommen.
Aber wer hat im Rat des Herrn gestanden,
dass er sein Wort gesehen
und gehört hätte?
Wer hat auf sein Wort geachtet
und es wirklich gehört?

Seht her: Der Sturmwind bricht los.
Der Zorn des Herrn
wirbelt alles durcheinander
und braust über die Köpfe der Frevler hinweg.
Und des Herrn Zorn wird nicht ablassen,
bis er alles vollbracht hat –
bis er getan hat,
was sich der Herr
in seinem Herzen vorgenommen hat.
Am Ende aller Tage
werdet ihr das alles begreifen.

Ich habe diese Propheten nicht geschickt,
sie aber kommen trotzdem angelaufen.
Ich habe nicht zu ihnen gesprochen,
sie aber reden trotzdem prophetisch.
Denn wenn sie im Kreis
meiner Vertrauten gestanden hätten,
so hätten sie meine Worte
meinem Volk gepredigt,
um es von seinem bösen Wandel
und von seinem bösen Tun zu bekehren.


Bin ich etwa nur ein Gott,
der den Menschen nahe ist,
spricht der Herr,
und nicht auch ein Gott,
der ferne ist?
Meinst du, dass sich jemand
so heimlich verbergen könne,
dass ich ihn nicht sehe?,
spricht der Herr.
Bin ich es nicht,
der Himmel und Erde erfüllt?,
spricht der Herr.


Ich höre es wohl,
was die Propheten reden,
die Lüge weissagen in meinem Namen
und sprechen:
Mir hat geträumt,
mir hat geträumt.
Wann wollen doch die Propheten aufhören,
die Lüge weissagen
und ihres Herzens Trug weissagen
und wollen, dass mein Volk
meinen Namen vergesse
über ihren Träumen,
die einer dem andern erzählt,
wie auch ihre Väter meinen Namen
wegen dem Baal vergaßen?

Ein Prophet, der Träume hat,
der erzähle Träume;
wer aber mein Wort hat,
der predige mein Wort recht.
Dann wird sich zeigen,
was Stroh und was Getreide ist,
spricht der Herr.
Ist mein Wort nicht wie ein Feuer?,
spricht der Herr.
Ist es nicht wie ein Hammer,
der Felsen zerschlägt?
Jeremia 23,16-29 nach der Lutherbibel

Worin mir Jeremia ganz nah ist,
ist seine tiefe Verzweiflung:
Er sieht klar, welches Unheil
auf sein Volk zukommt.
Um die politisch Verantwortlichen
und das Volk zu erreichen
oder sogar zu überzeugen,
nennt Jeremia Argumente.
Er weist darauf hin,
dass die populären Propheten
den Menschen nach dem Mund reden.
Dass sie es den Menschen
leicht machen wollen.
Sie sagen: „Ihr müsst euch nicht ändern!
Es ist in Ordnung, wenn ihr
nicht nach dem Willen Gottes fragt.
Es ist o.k., wenn ihr ein verhärtetes Herz habt
und nichts vom Leid der Menschen hören wollt!“
Wer dagegen wie Jeremia
von drohendem Unheil spricht,
macht sich unbeliebt.
Das zweite Argument Jeremias
ist ganz aktuell.
Er wirft den populären -
oder sollte es heißen den populistischen -
Propheten vor, dass sie
nicht um die Wahrheit ringen.
Sie setzen sich nicht
dem Wort Gottes aus,
diesem Wort, das gefährlich ist
wie eine lebendige Flamme.
Lieber verkündigen sie
ihre eigenen Wunschträume:
„Mir hat geträumt,
mir hat geträumt“.
Und sie erzählen einander
ihre falschen Träume -
heute würde man sagen:
Sie bleiben in ihrer Blase.
Jeremia aber dringt
mit seinen Mahnungen nicht durch.
Im Nachhinein zeigte sich,
dass er mit seinen Warnungen
Recht gehabt hatte.
Im Alten Testament
hatte kein anderer als er die Frage
nach der richtigen Verkündigung
so klar gestellt.
Die Frage,
ob die Verkündigung des Wortes Gottes
tatsächlich von Gott autorisiert
oder eigenmächtig ist.
Eine eindeutige, allgemeingültige Antwort
hat er nicht gefunden.
Eine Antwort, die richtige Antwort,
suchen wir Christinnen
und Christen bis heute.
Immer geht es
um die Frage,
wer recht hat.
Viele sind unsicher oder feige,
sie suchen Kompromisse
oder folgen blind der Mehrheit.
Die Frage, wer recht hat,
wird fortwährend neu gestellt:
gleichgültig, ob es
um Auslegung der Bibel
und Verkündigung
im Namen Gottes geht
oder um Krieg und Frieden,
Ökologie und Ökonomie,
um Rassismus, Gentechnologie
oder Empfängnisverhütung. –
Wer hat da Recht?
Und woran kann man das erkennen?
Und manchmal wünschen wir uns,
dass Gottes Wort wie Feuer brennt
und die Wahrheit ans Licht bringt.
Oder auch, dass alle Falschheit
und alle Lüge und alle Bosheit
durch Gottes Wort zerschlagen wird.
Doch das sind
nicht einmal fromme Wünsche.
Ich denke, es bleibt uns nichts anderes,
als immer wieder in der Bibel zu lesen,
über das Gelesene nachzudenken
und dann mit anderen
darüber zu sprechen.
Oder zu singen, zu spielen,
oder wie auch immer
wir uns mit der Heiligen Schrift
befassen.
Wobei „befassen“
ein guter Ausdruck dafür ist,
was wir tun.
Wir versuchen die Heilige Schrift,
die Offenbarungen Gottes zu fassen.
Das kann nur gemeinsam,
nur im Miteinander geschehen.
Und so ist jede Predigt,
jede Andacht, jede Auslegung
der Heiligen Schriften
ein Angebot zum Austausch.
Wir müssen uns miteinander austauschen,
denn niemand von uns hat
im Rat des Herrn gestanden“.
Vielleicht hilft es uns,
wenn wir uns dabei von der Frage lösen,
wer recht hat.
Wenn wir uns
viel mehr darauf konzentrieren,
was zu tun und was zu lassen ist.
Wenn wir pragmatisch
statt ideologisch denken und handeln.
Dabei hilft uns Christinnen und Christen,
dass wir auf einem
gemeinsamen Fundament stehen.
Vor 1.700 Jahren wurde
auf den Konzilen
von Nicäa und Konstantinopel
das Glaubensbekenntnis formuliert,
das uns als Maßstab dient.
Daran müssen sich
unsere Urteile messen lassen.
Im Zentrum steht das Bekenntnis
zu dem Mann aus Nazareth,
mit dessen Reden,
Handeln und Lassen
sich Gott selbst dargestellt hat.
Deshalb nennen wir ihn Gottes Sohn.
Und weil Gott weiter
in unserer Gegenwart wirkt,
nennen wir ihn den Heiligen Geist.
Christinnen und Christen sind Begeisterte.
Begeistert durch den Glauben,
begeistert von der Liebe,
begeistert aus der Hoffnung
auf ein Leben in Gottes Schöpfung.

Ihr Jürgen-Peter Lesch

 
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