St. Vincenz zu Altenhagen I

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Andacht für die Woche vom 1. März 2026 bis 7. März 2026

28.02.2026

Andacht für
den Sonntag Reminiszere
und für die Woche
vom 1. März 2026 bis 7. März 2026
über die Lesung
aus dem Alten Testament.
Sie steht im Buch des Propheten Jesaja
im 5. Kapitel Vers 1 bis 7
und ist überschrieben
„Das Lied vom unfruchtbaren Weinberg“.
Verfasser:
Superintendent in Ruhe
Wilhelm Niedernolte
(Eldagsen
)

Wohlan, ich will von meinem lieben Freunde singen,
ein Lied von meinem Freund
und seinem Weinberg.
Mein Freund hatte einen Weinberg
auf einer fetten Höhe.
Und er grub ihn um und entsteinte ihn
und pflanzte darin edle Reben.
Er baute auch einen Turm darin
und grub eine Kelter und wartete darauf,
dass er gute Trauben brächte;
aber er brachte schlechte.
Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem
und ihr Männer Judas,
zwischen mir und meinem Weinberg!
Was sollte man noch mehr tun
an meinem Weinberg,
das ich nicht getan habe an ihm?
Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht,
während ich darauf wartete,
dass er gute brächte?
Wohlan, ich will euch zeigen,
was ich mit meinem Weinberg tun will!
Sein Zaun soll weggenommen werden,
dass er kahl gefressen werde,
und seine Mauer soll eingerissen werden,
dass er zertreten werde.
Ich will ihn wüst liegen lassen,
dass er nicht beschnitten noch gehackt werde,
sondern Disteln und Dornen darauf wachsen,
und will den Wolken gebieten,
dass sie nicht darauf regnen.
Des Herrn Zebaoth Weinberg
aber ist das Haus Israel
und die Männer Judas seine Pflanzung,
an der sein Herz hing.
Er wartete auf Rechtsspruch, siehe,
da war Rechtsbruch,
auf Gerechtigkeit, siehe,
da war Geschrei über Schlechtigkeit

Liebe Leserin, lieber Leser,
Dieses Lied ist ein Bild für das Verhältnis
zwischen Gott und seinem Volk.
Ein Bild für die enttäuschte Liebe Gottes.
Gott ist zornig und bitter enttäuscht:
Was habe ich
nicht alles für dieses Volk getan –
und was ist das Ergebnis?
Im Alten Testament lesen wir,
was Gott alles für sein Volk getan hat.
Gott ist den schweren Weg
des auserwählten Volks mitgegangen –
in der Unterdrückung in Ägypten,
durch die Zeit in der Wüste,
bei der Eroberung
des fruchtbaren Jordanlandes,
bei der Abwehr der Feinde
in der Nachbarschaft -
und hat sich seinem Volk immer wieder
als der rettende
und bewahrende Gott gezeigt.
Gott hat sein Volk geliebt.
Hat es immer wieder
nachsichtig geführt und geleitet –
so wie Vater und Mutter ihre Kinder lieben.
Und was ist das Ergebnis –
oder, wie Eltern
manchmal zu sagen pflegen:
Was ist der Dank für diese Liebe?
Jesaja zieht eine bittere Bilanz:
Das Volk Gottes hat Gott vergessen.
Das Volk hat all die hohen Grundsätze
eines Lebens nach Gottes Willen vergessen.
Man ist immer wieder erstaunt,
welche Maßstäbe die Propheten vor weit
über 2000 Jahren an ein Leben
nach Gottes Willen angelegt haben.
Die Kritik der Propheten
richtet sich in erster Linie gegen
ein falsches soziales Verhalten.
Vor allem die Mächtigen im Volk
und die Besitzenden werden immer wieder
scharf kritisiert, weil sie
das Recht der Witwen,
Waisen und Armen missachten.
Die soziale Verpflichtung
der Volksgemeinschaft
gegenüber den Schwachen
hat vor Gott eine sehr große Bedeutung.
Die Einhaltung des Rechts,
das den Schwachen schützt,
ist für Gott äußerst wichtig,
so schreiben die Propheten immer wieder.
Die Wirklichkeit sah im Alten Israel
offensichtlich anders aus:
Die Reichen wurden immer reicher,
die Armen immer ärmer,
und Witwen, Waisen und Armen
wurde das ihnen zustehende Recht verweigert.
Es galt damals, wie auch heute
gelegentlich nicht
die Stärke des Rechts,
sondern das Recht des Stärkeren.
Gerechtigkeit? Fehlanzeige!
So beschreibt Jesaja
die Lage im Israel seiner Zeit
in seinem Weinberglied:
Gott wartete auf Rechtsspruch,
siehe, da war Rechtsbruch,
Gott wartete auf Gerechtigkeit,
siehe, da war Geschrei
über Schlechtigkeit.
Gott ist schwer enttäuscht,
all seine Liebe, all seine Sorge,
all seine Arbeit für sein Volk
waren offensichtlich vergeblich.
Gott ist schwer enttäuscht,
und er reagiert allzu menschlich:
Er will sein Volk
schutzlos der Geschichte überlassen.
Er will sein Volk sich selbst überlassen,
er will seine liebende Hand
abziehen von dem Volk,
das er selbst von seinen ersten Ursprüngen,
von seiner Kindheit an geführt
und geleitet und geliebt hat.
Diese Reaktion ist allzu verständlich.
Ist diese enttäuschte Liebe Gottes
auch auf heute übertragbar?
Hat Gott auch heute Grund,
enttäuscht zu sein
über das Handeln
der von ihm geliebten Menschen?
Hat Gott auch heute Grund,
seine Fürsorge aufzukündigen?
Gründe gäbe es schon.
Man müsste dann allerdings
auch all das aufzählen,
was wir tun,
um die Not der Welt zu lindern;
wo wir und viele andere
überall mit viel Kraft
und großem Einsatz Menschen helfen,
die unsere Hilfe lebens-
notwendig brauchen.
Im Auftrage Gottes
und in Verantwortung vor ihm.
Aber: Vor Gott kann
und will ich nicht aufrechnen.
Ich kann und will keine Waage aufbauen,
an der dann abzulesen wäre,
was überwiegt: das Schlechte
oder das Gute. Ich will nicht aufrechnen
und dann mir selbst
und anderen sagen müssen:
Gottes Liebesentzug droht auch uns.
Aber darum geht es ja gar nicht.
Es geht nicht
um den strafenden Gott
und unsere hilfreichen Taten,
die den strafenden Gott
besänftigen könnten.
Wir sind Christen
und haben einen anderen Zugang
zu unserem Verhältnis zu Gott.
Wir wissen, dass wir immer wieder
Gottes Willen verfehlen.
Wir wissen, dass wir immer wieder
schuldig werden vor dem,
was Gott von uns fordert.
Wir vertrauen aber darauf,
dass uns Gottes Vergebung gilt.
Wir vertrauen darauf,
dass Gott seine Liebe zu uns
eben nicht beendet. Wir vertrauen
auf die unendliche Liebe Gottes.
Davon hat Jesus Christus
immer wieder erzählt.
Mit seinen Predigten,
mit seinen Gleichnissen.
Gott redet heute anders zu uns
als Jesaja das aufgeschrieben hat.
Gott spricht seit 2000 Jahren
durch Jesus Christus.
Und bei Jesus ist keine Rede
von Vernichtung und Strafe
und Liebesentzug.
Paulus hat immer wieder
davon geschrieben, dass wir Christen
von der Gnade Gottes leben.
Die Gnade, die Liebe,
die Gott uns schenkt
„ohn’ all mein Verdienst und Würdigkeit“,
wie Martin Luther schreibt.
Wir wollen unser Leben in der Gemeinde
und als Gemeinde so führen,
wollen unsere Kirche so organisieren,
wie Gott das von uns erwartet.
Aber damit verdienen
wir uns nicht die Liebe Gottes,
sondern wir bestätigen sie dadurch nur.
Als Christen vertrauen wir
vor allem auf das Wort Jesu Christi:
„Sieh, ich bin bei euch
alle Tage bis an der Welt Ende!“
Ich bin bei euch -
ohne jede Bedingung,
ohne jeden Zusatz.
Gottes Liebe begleitet uns
und trägt uns
und hält uns in aller Zeit und Ewigkeit!
Darauf vertraue ich – davon lebe ich.

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Zeit
Wilhelm Niedernolte

 
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