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Andacht für den 2.Sonntag nach Weihnachten und für die Woche vom 4. Januar 2026 bis 10. Januar 2025
Andacht für den 2.Sonntag
nach Weihnachten
und für die Woche
vom 4. Januar 2026
bis 10. Januar 2025
über die Lesung
aus dem Alten Testament.
Sie steht im Buch
des Propheten Jesaja im 61. Kapitel.
und ist überschrieben
„Die frohe Botschaft
von der kommenden Herrlichkeit“
Verfasser:
Superintendent in Ruhe
Wilhelm Niedernolte
(Eldagsen)
Der Geist Gottes des HERRN ist auf mir,
weil der HERR mich gesalbt hat.
Er hat mich gesandt,
den Elenden gute Botschaft zu bringen,
die zerbrochenen Herzen zu verbinden,
zu verkündigen
den Gefangenen die Freiheit,
den Gebundenen,
dass sie frei und ledig sein sollen;
zu verkündigen
ein gnädiges Jahr des HERRN
und einen Tag
der Vergeltung unsres Gottes,
zu trösten alle Trauernden,
zu schaffen den Trauernden zu Zion,
dass ihnen Schmuck statt Asche,
Freudenöl statt Trauerkleid,
Lobgesang
statt eines betrübten Geistes
gegeben werden,
dass sie genannt werden
»Bäume der Gerechtigkeit«,
»Pflanzung des HERRN«,
ihm zum Preise.
Jesaja 61, 1-3
Liebe Leserin, lieber Leser,
ich wünsche Ihnen
ein gesegnetes Neues Jahr.
Wir haben in den letzten Tagen
viele solcher guten Wünsche
für das neue Jahr bekommen
und ausgesprochen.
Die einen wünschen
einen guten Rutsch,
andere wünschen uns
Gesundheit für das neue Jahr
(Gesundheit ist doch das wichtigste,
sagen sie),
wiederum andere wünschen uns
einfach Gottes Segen.
Gute Wünsche nehmen wir
gern entgegen, weil wir spüren,
man meint es gut mit uns,
aber die guten Wünsche
sind damit noch nicht eingelöst.
Kann man sie überhaupt einlösen
oder zu Geld machen?
Beim Propheten lesen wir
solche guten Neujahrswünsche
oder sogar Neujahrsverspechen,
und das ist letztlich
ein Versprechen Gottes,
das der Prophet weiterzugeben
autorisiert ist:
Der Geist Gottes des HERRN ist auf mir,
sagt der Prophet von sich selbst,
weil der HERR mich gesalbt hat.
Er hat mich gesandt, zu verkündigen
ein gnädiges Jahr des HERRN.
Damit gab er
seinen Lesern die Perspektive,
aus der Gefangenschaft in Babylon
in ihre Heimat Jerusalem
zurückkehren zu können,
um die Stadt und den Tempel
wieder aufzubauen.
Die Rückkehr fand zwar nicht
in demselben Jahr statt,
aber immerhin einige Jahre später,
nachdem sich die politische
Großwetterlage geändert hatte.
Der Wiederaufbau der Stadt
allerdings verzögerte sich erheblich.
Also: das gnädige Jahr des Herrn
ließ auf sich warten.
Im Neuen Testament
lesen wir (Lukas 4, 14-21),
dass Jesus genau diese Worte
in der Synagoge vorliest
und sie auf sich bezieht und sagt:
Heute ist dieses Wort der Schrift
erfüllt vor euren Ohren.
Was ist aus diesem Versprechen geworden,
aus dem Gnadenjahr,
wie der Prophet
beim Evangelisten Lukas zitiert wird.
Der Weg Jesu endete am Kreuz.
Jesus schrie zu Gott:
Mein Gott, mein Gott,
warum hast du mich verlassen?
Das hat der Evangelist sicher nicht
als Gnade Gottes empfunden.
Schon eher, dass er Jesus Christus
von den Toten auferweckt hat
und der ihnen erschienen ist.
Frage an uns:
Wird unser Jahr 2026 ein gnädiges Jahr,
ein Gnadenjahr des Herrn werden?
An Segenswünschen hat es nicht gefehlt.
Aber wir nehmen auch
viele der alten Probleme
und ungelösten Fragen
mit in das neue Jahr,
und werden beim Jahreswechsel
2026/2027 feststellen,
einiges davon ist keinen Schritt
weitergekommen zu einer Lösung,
und es sind neue Fragen hinzugekommen.
Liebe Gemeinde, was ist das denn,
ein gnädiges Jahr des Herrn?
Ein wenig überrascht war ich,
als ich den griechischen Urtext
der Worte Jesu las,
wie er den Propheten zitiert.
Wörtlich steht da: zu verkünden
ein angenehmes Jahr des Herrn
(dekton – angenehm).
Aber, ist das nicht etwas zu wenig,
das Gnadenjahr Gottes
als angenehmes Jahr zu verstehen?
Was ist ein Gnadenjahr Gottes?
Ich habe ein Buch gelesen,
das mich beeindruckt hat.
Der Titel: „Ich muss nur fest genug glauben.“
Darin beschreibt
die Theologieprofessorin Kate Bowler
aus Kanada den Weg ihrer Krankheit
nach der Diagnose Darmkrebs.
Sie ist in einer Freikirche,
bei den Mennoniten, aufgewachsen
und hat oft Sätze gehört wie:
Gott hat für jeden einen bestimmten Plan,
oder: Alles hat seinen Grund.
Wer an Christus glaubt,
dem kann nichts Schlimmes passieren,
Und wenn doch etwas Schlimmes passiert,
wird es entweder klein geredet
oder es wird gesagt:
Du hast nicht genug geglaubt
und nicht genug gebetet.
Nun hat sie ihre Krebsdiagnose
im Alter von 35 Jahren bekommen,
einige Monate, nachdem sie
ihr Kind geboren hat.
Und sie bekommt viele
gut gemeinte Ratschläge, wie sie
ihren angeblichen Glaubensmangel
beheben kann.
Kate Bowler nennt diese Glaubenshaltung
das „Wohlstandsevangelium“,
„gospel of prosperity“.
Es besagt: Christen geht es gut.
Jesus beantwortet dir alle Fragen.
Und wenn der Arzt sagt:
Sie sind austherapiert,
wir können Sie nur noch palliativ versorgen,
dann beten wir, wenn es sein muss,
Tag und Nacht, um deine Heilung,
weil wir wissen: Gott kann Wunder tun
und er tut Wunder.
Und wenn du dann doch stirbst,
liegt es daran, dass entweder du
oder wir nicht fest genug geglaubt haben.
An Gott jedenfalls hat es nicht gelegen.
Denn Christen haben ein gutes Leben.
Das ist das gospel of prosperity.
Das Wohlstandsevangelium.
Und wenn Christen reich sind,
ist das ein Ausdruck von Gottes Segen.
Und wenn die Familie intakt ist,
liegt das daran, dass du jeden Tag betest.
Ich muss gestehen,
bei solchen Behauptungen sträuben sich
meine theologischen Nackenhaare.
Ich frage mich: Haben die denn nicht
das Buch Hiob gelesen,
von dem Mann, dem alles genommen wird,
was ihm lieb und wert ist?
Und dessen Freunde kommen
und ihn tagelang davon überzeugen wollen,
dass seine Katastrophen
einen Grund haben müssen?
Und denen Hiob antwortet:
Da war absolut nichts,
was meine Katastrophen
auch nur erklären könnten?
Und wo Hiob sich schließlich
an Gott selbst wendet
und ihn zu Rechenschaft ziehen will
wie der Richter einen Angeklagten?
Und wo Gott ihm sagt:
Wer bist du eigentlich,
dass du die Welt
und auch dein Schicksal
verstehen willst?
Finde dich damit ab,
dass du Dinge erlebst,
die du nicht verstehst.
Haben die Wohlstandschristen
das nicht gelesen?
Oder haben sie vielleicht vergessen,
dass Christus nachfolgen
auch Kreuzesnachfolge heißen kann?
Dass der Weg im Glauben
auch über Golgatha führen kann?
Nicht führen muss, aber führen kann.
Zurück zu der Theologie-
professorin aus Kanada.
Sie sagt von sich selbst,
dass sie eine gläubige Christin war,
und dass es ihr gut ging.
Sie hatte eine tolle Kindheit,
einen Mann, den sie liebt,
ein gesundes Kind;
einen wunderbaren Beruf,
denn sie bildete Pastoren/innen aus.
Und dann die Diagnose,
die deswegen so gar nicht
in ihr Glaubensbild passte.
Es lief doch alles wunderbar
in ihrem Leben. Und nun das?
Was hatte sie nur falsch gemacht
oder unterlassen?
Das brachte sie ins Wanken.
Darum nannte sie ihr Buch
mit dem vollständigen Titel:
„Ich muss nur fest genug glauben,
und andere Lügen,
die ich geliebt habe.“
Nach den vielen gut gemeinten,
aber wenig hilfreichen Erklärungen –
zu wenig geglaubt, zu wenig gebetet –
fällt sie in ein tiefes Loch.
Doch sie geht nicht unter in dem Loch;
denn sie beginnt zu kämpfen,
für ihr Leben und gegen guten Ratschläge.
Und dann erlebt sie Gott
als einen Gott, der sie nicht verlässt,
der in ihrem Leid und in ihren Ängsten
einfach da ist und bei ihr bleibt.
Sie ist nicht schuld an ihrer Krankheit,
Gott ist nicht schuld an ihrer Krankheit.
Krankheiten gehören einfach
zu den Möglichkeiten
im Leben eines Menschen.
Sie hat ihre Diagnose
im Alter von 35 Jahren bekommen,
das war 2015: Darmkrebs im 4. Stadium.
Seither lebt sie mit dieser Diagnose.
Sie schreibt sinngemäß:
Ich kann daran sterben,
aber heute lebe ich.
Der Prophet sagt seinen Lesern
und uns:
Gott hat mich gesandt,
zu verkündigen
ein gnädiges Jahr des HERRN.
Jesus nimmt dieses Wort auf
und sagt auch von sich selbst:
Gott hat mich gesandt, zu verkündigen
das Gnadenjahr des HERRN.
Und was machen wir nun
mit dem Jahr, das vor uns liegt?
Beim zweiten Blick
in den griechischen Urtext
der Worte Jesu ging mir ein Licht auf:
Gott hat mich gesandt, zu verkünden
ein angenehmes Jahr des Herrn.
Was ist angenehm?
Angenehm ist ein beheiztes Freibad.
Angenehm ist manchmal das Wetter,
nicht zu warm, nicht zu kalt,
nicht zu nass, nicht zu trocken.
Was ist ein angenehmes Jahr des Herrn?
Das ist ein Jahr, das ich annehmen kann:
Die wahrscheinlich seltenen Momente,
in denen ich glücklich sein werde,
die hoffentlich vielen Tage,
an denen ich zufrieden bin,
die vielen Tage, Wochen und Monate,
in denen ich gesund sein werde,
aber auch die Tage annehmen kann,
an denen ich Abschied nehmen werde,
von lieben Menschen,
von Dingen, zu denen ich
körperlich und seelisch
nicht mehr in der Lage sein werde.
Liebe Leserin, lieber Leser,
das will ich mitnehmen in das neue Jahr,
und nicht so schnell vergessen,
wie die guten Vorsätze,
die schon wieder verblassen,
dass Jesus mir sagt:
Gott hat mich gesandt,
zu verkünden ein angenehmes Jahr des Herrn.
Ich will das, was kommt, annehmen.
Und ich werde es annehmen können,
weil er mit mir unterwegs ist
und bei mir bleiben wird.
Ich wünsche Ihnen
eine gesegnete Zeit.
Wilhelm Niedernolte
