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<>Andacht für die Woche vom 23. bis 29. August 2020
25.08.2020

Andacht für die Woche vom 23. bis 29. August 2020
Verfasser:  Jürgen-Peter Lesch  
Pastor in Ruhe (Springe – früher Pastor der EKD in Hannover)

Gott widersteht den Hochmütigen,
aber den Demütigen gibt er Gnade.
(1. Petrusbrief 5,5b – Wochenspruch für den 11. Sonntag nach Trinitatis)


Etliche Sätze aus der Bibel
sind zu Sprichworten geworden.
Viele von Ihnen stammen wie der Wochenspruch
ursprünglich aus den Weisheitsbüchern
des Alten Testaments.
Er steht fast wörtlich
schon im Buch der Sprüche Salomos.
Im Neuen Testament
wird er aber in einen neuen Zusammenhang gestellt.
Und so bekommt die Demut
im Leben von Christinnen und Christen
eine besondere Bedeutung.
 Doch es stellt sich die Frage,
ob ein demütiges Verhalten
heute noch sinnvoll und angebracht ist.
    
Das Wort „Demut“ wird heute selten verwendet.
Das ist vielleicht ein Grund dafür,
dass es im Duden zwar ausführlich,
aber auch ziemlich umständlich erläutert wird.
Dort heißt es:
Demut ist eine
in der Einsicht in die Notwendigkeit
und im Willen zum Hinnehmen der Gegebenheiten
begründete Ergebenheit
“.
     Das lässt sich kurz so zusammenfassen:
Demut heißt, sich in sein Schicksal zu fügen
und keine Fragen zu stellen.
Demut heißt auch,
sich nicht gegen „die Gegebenheiten“,
also das, was unabänderlich ist oder zu sein scheint,
aufzulehnen.
Damit aber passt die Demut
so gar nicht in unser Leben.
    
Und tatsächlich hatte sie schon in der Antike
einen schlechten Ruf.
Damals gab es das Ideal,
„immer der Beste zu sein
und alle anderen zu übertreffen“.
Die Demut als „unterwürfige Gesinnung“
wurde abgelehnt.
Das griechische Wort,
das üblicherweise mit „Demut“ übersetzt wird,
ist wörtlich die „auf Niedriges gerichtete Gesinnung“.
Es meint die „Selbstbescheidung“
oder sogar die „Selbsterniedrigung“.
    
In den ersten christlichen Gemeinden
wurde dagegen die Demut
als richtige Lebenshaltung gelobt.
Und damit handelten sich die Christen
massive Kritik und auch Spott ein:
Wer sich erniedrigt,
der erniedrigt sich ohne Haltung und Würde,
indem er auf seinen Knien im Staube liegt
und sich kopfüber aufs Gesicht wirft,
in erbärmliche Kleidung gehüllt
und sich mit Asche bestreuend.

    
Aber wie kam es dazu,
dass aus der Untugend „Demut“
eine grundlegende christliche Tugend wurde,
die allerdings immer wieder kritisiert
und verspottet wird?
    
Der Wochenspruch
steht im Zusammenhang mit Ermahnungen
an die Leiterinnen und Leiter christlicher Gemeinden.
Zwar hatte sich am Ende des 1. Jahrhunderts
in den neu entstandenen christlichen Gemeinden
Leitungsstrukturen entwickelt,
aber das wurde schon damals kritisch gesehen.
Das Wort des Wochenspruchs
ist zum einen eine Mahnung an jene,
die in der Gemeindeleitung Verantwortung tragen.
Zum anderen ist es eine Ermahnung
an alle Gemeindemitglieder.
Und es ist in der damaligen Zeit
schon fast eine Provokation,
denn auch zur Zeit
der Abfassung des 1. Petrusbriefes
war die Autonomie,
die Selbstbestimmtheit
das Ideal für den einzelnen Menschen.
    
Allerdings liegt dieser Kritik
ein Missverständnis zugrunde.
Demut kann nicht mit Schwachheit
oder Feigheit gleichgesetzt werden.
Demut war zunächst
die Haltung eines gläubigen Menschen Gott
und nur Gott gegenüber.
Und auch der Hochmut oder Spott
richtete sich gegen Gott.
Es geht hier also zunächst
um das Verhältnis zwischen Gott und Mensch.
Gott widersteht den Überheblichen,
aber er ist den Demütigen gnädig.
Er bestätigt eben nicht einfach
jene Herrschaftsansprüche,
die sich auf den Willen zur Macht
und die Fähigkeit zur Selbstdurchsetzung stützen.
Er kann sie
nach seinen eigenen Maßstäben durchkreuzen.
Gott setzt gegen menschliche Macht
und menschlichen Hochmut
und wohl auch gegen menschliche Gerechtigkeit
seine Gnade.
    Diese Erkenntnis war so wichtig,
dass das Wort aus dem Buch der Sprüche
auch im Jakobusbrief zitiert wird (Jak 4,6).
Ebenso geht es im Philipperbrief darum,
dass „in Demut … einer den andern
höher achte als sich selbst“ (Phil 2,2),
denn Jesus „erniedrigte sich selbst
und ward gehorsam bis zum Tode,
ja zum Tode am Kreuz“ (Phil 2,8).
Das Vorbild ist jetzt Jesus Christus selbst.
Er sagt über sich:
„denn ich bin sanftmütig
und von Herzen demütig“
(Mt 11,29).
    
Durch den Blick auf das Reden
und Tun von Jesus Christus wird deutlich,
dass demütig sein nicht bedeutet,
still alles hinzunehmen
und über sich ergehen zu lassen.
Demütig sein heißt viel mehr,
aktiv zu werden und sich einzumischen.
Aber anders, als das heute üblich ist.
Es heißt zunächst wohl,
anderen Menschen zuhören zu wollen
und zu können.
Und es bedeutet, sich auf andere einzulassen
ohne sich selbst
und die eigenen Ideen und Vorstellungen auszublenden.
Demütig sein könnte bedeuten,
wenigstens zu versuchen,
andere Menschen zu verstehen
und ernst zu nehmen,
auch wenn das manchmal schwerfällt.
Es könnte sogar bedeuten,
sich in die Lage anderer Menschen zu versetzen
und Mitgefühl zu entwickeln.
Und schließlich kann demütig sein auch bedeuten,
zugeben zu können,
dass der andere Recht haben könnte.
    
Demütig sein kann aber auch heißen,
sich all den Spöttern zu widersetzen,
all denen, die andere verachten
und sie herabsetzen.
Demütig sein kann bedeuten,
sich mit den „Niedrigen“ gegen jene zu stellen,
die auf sie herabsehen,
ihre Würde verletzen
oder sie einfach übersehen,
auch weil wir es ihnen
und uns zu einfach machen.
Demütig sein könnte bedeuten,
aufzustehen und sich aller Herrschaft zu widersetzen,
die die menschliche Würde verletzt
oder gar mit Füßen tritt.
    
Und was heißt dann Demut
Gott gegenüber?
Demütig Gott gegenüber zu treten
bedeutet allerdings nicht,
vor Gott zu schweigen.
Es heißt nicht, alles fraglos hinzunehmen,
was mir in meinem Leben widerfährt.
Und es ist kein Grund dafür,
meine Angst, meine Fragen und meine Sorgen
Gott gegenüber nicht zu äußern.
Falsch verstandene Demut
sollte nicht dazu führen,
das Gespräch mit Gott,
das Hadern und das Ringen mit ihm einzustellen.
So wie wir uns
Gott gegenüber verantwortlich fühlen,
so hat auch Gott eine Verantwortung
uns gegenüber.
Wenn wir es ernst nehmen,
dass wir und unsere Kinder
in der Taufe Gott anvertraut werden,
dann ist damit
sozusagen ein gegenseitiger Bund geschlossen.
Das kann man natürlich früher
oder später ausblenden.
Dann hat die Frage nach Gottes Verantwortung
für uns keine Grundlage mehr.
Doch wird die Taufe
als Beginn einer lebendigen und lebenslangen Beziehung
zwischen Gott und dem Täufling verstanden,
dann muss sozusagen zwangsläufig
auch der Mensch danach fragen,
wie Gott seine Verantwortung wahrnimmt.
    
Demut Gott gegenüber
sollte nicht stumm machen.
Ganz im Gegenteil braucht es gerade im Leid,
in der Sorge
und in Zeiten der Angst und Unsicherheit
die intensive Auseinandersetzung mit Gott.
In der Bibel füllt die Erzählung
über eine solche Auseinandersetzung
ein komplettes Buch.
Hiob versucht, Gottes Handeln zu verstehen.
Er erfährt, dass dieses Handeln
sowohl lebensbedrohlich
als auch lebensfördernd sein kann.
Er erlebt Gottes Umgang mit dem Recht.
Das kann nach menschlichen Maßstäben
einerseits berechenbar
und andererseits willkürlich erscheinen.
Es geht in dieser Erzählung
um die Grundfragen
menschlicher und göttlicher Existenz.
Das gesamte Buch Hiob
ist eine literarische und theologische Auseinandersetzung
über Grundfragen menschlicher und göttlicher Existenz.
    
Zurück zum Wochenspruch
aus dem ersten Petrusbrief.
Bis jetzt habe ich wenig über die Hochmütigen gesagt.
Im Buch der Sprüche
ist dieses Wort über die Hochmütigen
und die Demütigen
noch etwas konkreter
als in den Zitaten im 1. Petrusbrief
und im Jakobusbrief.
Im Buch der Sprüche heißt es:
„Er (der „HERR“ – Übersetzung
des hebräischen Jahwe / JHWH)
wird der Spötter spotten,
aber den Demütigen wird er Gnade geben“.
Die Spötter
werden mit ihren eigenen Waffen geschlagen.
Gott selbst stellt sich
den Hochmütigen entgegen.
Er weist sie in die Schranken,
ja, er macht sie sogar lächerlich.
     Das jedenfalls ist eine Hoffnung
und ein Versprechen,
die sich durch die Bibel
vom Alten bis ins Neue Testament ziehen.
Mehr ist dazu nicht zu sagen.
Die Sache ist erledigt.
Um die Hochmütigen
und die Spötter geht es nicht.
Sie werde nur deshalb erwähnt,
weil sie das Gegenteil der Demütigen sind.

     Um die Demütigen geht es Gott.
Die Niedrigen, die Verachteten
und die Geringen hat er im Blick.
Und diejenigen Menschen,
die sich darum kümmern.
Und dann endet der Abschnitt im 1. Petrusbrief
mit einer klaren Aufforderung
und einem Versprechen:
„Alle eure Sorge werft auf ihn;
denn er sorgt für euch“.

     Das griechische Verb,
das hier mit „sorgt für“ übersetzt wird,
meint noch mehr:
Es geht Gott um uns,
es liegt Gott an uns,
er macht sich Gedanken um uns,
er kümmert sich um uns.
Das bedeutet nun kein sorgenfreies Leben.
Es ist vielmehr die Zusage,
dass es Gott um uns geht,
ja, dass er sich Gedanken um uns macht.
Was könnte in einer unsicheren
und sorgenvollen Zeit besser sein?

Amen.

 
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